Hilfe und Kulturaustausch - Über die Beweggründe für Entwicklungshilfe

Schwellenland Indien

Indien ist Faszination und Widerspruch. Als ich vor 25 Jahren anfing, mich mit Indien zu beschäftigen, war das Image Indiens ausschliesslich das eines Entwicklungslandes, eines der ärmsten Länder auf diesem Globus. Dieses Image hat sich gewandelt. Heute denkt man nicht in erster Linie an die Armut. Indien hat sich zum international führenden IT-Dienstleister aufgeschwungen und als Softwareentwickler etabliert. Bollywood ist auch im Westen eine bekannte und in das hiesige Filmgeschäft integrierte Grösse. Und neuerdings macht Indien auch als Autohersteller international Schlagzeilen.

Ist Entwicklungshilfe noch gerechtfertigt?

Haben die sogenannten Schwellenländer, zu denen Indien gehört, ein Recht auf „Entwicklungshilfe“? Auf einer Ebene, auf der Länder um den ersten Platz auf der Weltwirtschaftsliste kämpfen, ist diese Frage sicher berechtigt. Arbeitet man in Hilfsprojekten, sieht man deutlich, was auch Statistiken bestätigen. Die Anzahl der Menschen, die wirklich arm sind, sich nicht ausreichend ernähren können und für die Bildung und medizinische Versorgung nicht erschwinglich sind, ist gleich gross wie vor 25 Jahren. Da die Bevölkerung insgesamt um mehr als 20% angewachsen ist, ist dies zwar für die Gesamtentwicklung des Landes ein Erfolg. Für die Menschen in den Dörfern, um die wir uns kümmern, ist diese Entwicklung aber umso schmerzhafter. Sie haben den aufkommenden Wohlstand einer stärker werdenden Mittelschicht sozusagen vor der Nase und können sich diese an der Scheibe plattdrücken, die in Indien immer noch streng die armen Schichten von den reichen trennt.

Keine Hilfe ohne kulturelle Begegnung

Die Hilfe für diese Armen, die Unterstützung auf dem Weg in eine bessere Lebensqualität, ist eines der Ziele, die unsere Organisation verfolgt. Ein weiteres ist der Kulturaustausch mit Indien. Die Hilfe für die arme Bevölkerung kann nicht gegen die Mittelschicht erfolgen, die wichtigster Kulturträger im sozialen Mehrschichtenmodell ist. Wovon die Armen träumen, ist deren Lebensstil, nicht unsrer. Dennoch bereichern wir mit unserer Anteilnahme, unserer Aufmerksamkeit und unserer ganz speziellen, westlich geprägten Art von Herangehensweisen an Probleme den Horizont der indischen Beteiligten. Umgekehrt nehmen wir so vieles aus ihrer Welt mit nach Hause. Der ungeheure Druck von Zeit und Geld, der uns oft das Leben im Jetzt verunmöglicht, weicht einer gestärkten Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein. Probleme, die vor einem Indienbesuch unser Leben dominierten, werden relativiert. Das Erlebnis, dass Lebensweisheit und Glück nicht ausschliesslich die Folge von Reichtum sind, lässt uns fähiger werden, das Glück in kleinen Dingen zu finden und dabei ein bisschen gelassener zu werden.

Kalpavruksha fördert die Begegnung

Meine Versuche, die Folgen einer Indienreise zu beschreiben, sind subjektiv und alles andere als umfassend. Jeder unserer Freunde, Gäste und Helfer erlebt einen Besuch anders. Auch dafür ist Kalpavruksha da: diese Erlebnisse mitzuteilen und auszutauschen. Und sich gemeinsam zu freuen an dem, was unsere Hilfe bewirkt und an der Bereicherung, die Indien für unser Leben bietet.

 

22. Oktober 2008

Matina Hämmerli

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